Alle Ihre bisherigen Bücher waren Wirtschaftskrimis. „Fluch“ (orig.: „Where the Shadows Lie“) ist ein klassischer Kriminalroman mit einem originellen Plot und hat nichts mehr mit dem Thema Wirtschaft zu tun. Warum haben Sie das Genre gewechselt?
Für den Wechsel gab es einerseits einen kommerziellen und anderseits
einen persönlichen Grund.
Über die Jahre sind die Verkaufzahlen meiner Wirtschaftskrimis zurückgegangen
- und das, obwohl meiner Meinung und der Meinung meiner Leserschaft, die
Qualität meiner Bücher gestiegen ist. In den 90ern gab es die
Hoffnung, das Genre des Wirtschaftsthrillers könnte die Größenordung
der Justizkrimis á la Grisham erreichen. Diese Hoffnung erfüllte
sich nicht. Es war an der Zeit, sich etwas zu überlegen.
Persönlich habe ich mich natürlich auch weiterentwickelt. Während
ich am Anfang meiner Karriere als Schriftsteller unbedingt über Themen
schreiben wollte, die ich gut kannte, beabsichtige ich jetzt einfach neue
Dinge für mich und meine Leser zu entdecken.
“Fluch” ist in Island angesiedelt. Haben Sie ein spezielles Verhältnis zu diesem Land?
Nach einigen Überlegungen und mehrmaligen Besuchen meiner WH Smith-Buchhandlung
habe ich mich für eine Krimi-Serie entschieden - und das mit einem
unverwechselbaren Protagonisten. Die Idee über fremde Länder zu
schreiben geisterte schon länger in meinem Kopf herum. Zwei Szenarien
stellte ich mr zur Auswahl: einerseits ein aufrichtiger Polizist in einem
korrupten Regime (in meinem Fall Saudi Arabien) und andererseits ein isländischer
Detektiv.
1995 habe ich eine Lesereise durch Island unternommen. Ich fand dieses
Land sehr außergewöhnlich. Die Landschaft, die Gesellschaft,
die Leute - alles hat mich immer wieder aufs Neue überrascht.
Ich habe meine zwei Thriller-Szenarien in meinem Freundeskreis erzählt
bzw. “ausgetestet” (lacht). Während die meisten skeptisch
und vorsichtig mit dem Thema Saudi Arabien umgegangen sind, war die Neugierde
zu Island enorm. Sie wollten mehr zu Island erfahren – übrigens
genauso wie ich. Je intensiver ich mich nun mit Island beschäftige,
desto mehr will ich über dieses fantastische Land schreiben.
Wie haben Sie Ihren Detektiv entwickelt?
Einem Detektiv den richtigen Namen zu geben ist ein schwieriger Prozess, aber in diesem Fall war das eine leichte Übung – Magnus. Der 2007 verstorbene Magnus Magnusson (Anm.: populärer BBC-Moderator) ist der absolute Lieblings-Isländer der Briten und diente mir als Vorbild bei der Namensgebung.
Folgende Problemstellungen musste und wollte ich aber lösen:
Mein Ermittler muss isländisch sprechen und sollte ein wenig ein Aussenseiter
sein. Die unterschiedlichen Aspekte der isländischen Gesellschaft sollen
in den Geschichten ebenfalls thematisiert werden, daher darf er kein Einheimischer
sein, sonst wären diese teilweise für Nicht-Isländer exotisch
wirkenden Gesichtspunkte nicht erwähnenswert.
Also habe ich mir einen komplizierten Hintergrund für Magnus Jonson
ausgedacht:
Magnus ist in Island geboren. Nach der Trennung seiner Eltern, Magnus
war noch ein Kleinkind, ist er mit seinem Vater nach Boston in die USA ausgewandert.
Sein Vater nimmt eine Stelle als Mathematikprofessor an. Magnus wächst
als einsames isländisches Kind an einer High School auf und entdeckt
isländische Sagas für sich. Er studiert Jus an der Universität
- da wird sein Vater getötet. Der Mörder konnte nicht gefasst
werden. Dieser dramatische Einschnitt in seinem Leben verändert die
Karrierepläne von Magnus und er beschließt, Polizist zu werden.
Zwölf Jahre später arbeitet er als Seargent Detective bei der
Bostoner Mordkommission und nachdem Magnus einem Korruptionsskandal innerhalb
der Polizei auf der Spur ist, muss er für einige Zeit zur eigenen Sicherheit
die USA verlassen. Parallel zu den Vorkommnissen in Boston sucht die isländische
Polizei in Reykjavik einen Berater, da auch in Island die wachsende Kriminalität
in der Großstadt zunehmend ein Problem ist. Ohne den Mordfall an seinem
Vater gelöst zu haben, beschliesst Magnus das Jobangebot aus Island
anzunehmen und fliegt nach Reykjavik um der örtlichen Polizei als Berater
zu helfen.
Übrigens – im Gegensatz zu Magnus weiß ich, wer seinen
Vater ermordet hat, aber ich werde es weder ihm noch an dieser Stelle verraten – das
wird noch einige Bücher lang brauchen.
Haben Sie viel über Island gewusst?
Sehr wenig. Ich war zum ersten Mal in Island im Jahr 1995, als ich eine
Lesereise für mein erstes Buch “Der Spekulant” (orig.: „Free
to Trade“) gemacht habe. Ich fand das Land faszinierend und ich wollte
es unbedingt als Spielort für einen meiner Wirtschaftskrimis verwenden,
aber habe das nie geschafft. Die Isländer sind größtenteils
ein hartarbeitender, manischer Charakter mit einem hoch entwickelten Sinn
für Humor mit viel Ironie. Das Hauptthema in Island ist das Kollidieren
des Alten und des Neuen. 1940 war Island wahrscheinlich das ärmste
Land in Europa und bis 2007 hat sich das Land in eines der am meisten entwickelten
Länder hochgearbeitet. Es scheint, dass jeder Isländer ein Facebook-Profil
hat. Im Gegensatz dazu hat so gut wie jede Großmutter der aktuellen
Generation noch an Elfen geglaubt – kurios!
Dieser Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen ist auch auf die Landschaft
umlegbar. Raue Berge, wunderschöne weiße Gletscher, Fjorde, Lavafelder
mit Moos, das sich in die Felsen hineinknabbert – gegensätzlich
und wunderschön. Und natürlich gibt es immer wieder diese spektakulären
vulkanischen Eruptionen. Es sieht alles sehr alt aus, aber geologisch gesehen
ist eigentlich alles sehr neu und erst in einem Entstehensprozess. Natürlich
ist diese Landschaft auch voll mit Mythen, Legenden, Trollen und Elfen,
sowie den Orten der großen mittelalterlichen Sagas. Diese Sagas sind
zutiefst im nationalen Bewusstsein Islands verankert. Zumeist wurden diese
Sagas erstmals im 13. Jahrhundert aufgeschrieben und erzählen Geschichten über
die Wikinger, welche diese Region im 10. Jahrhundert besiedelt haben. Ein
wenig erinnern diese Geschichten an modernen Krimis: prägnante Charakterisierungen,
viel Action, bunte Charaktere: Thorolf Lame Foot, Ketil Flat Nose und Ulf
the Unwashed sind meine Favoriten. Natürlich gibt es da auch viel Blutvergießen,
aber auch Wollust, Eifersucht, Trunkenheit und viele Auseinandersetzungen.
Ist das der Grund warum sie eine Saga in “Fluch” eingebaut
haben?
Absolut. Ich habe mich für einen Professor des Isländischen entschieden,
der eine verloren geglaubte Saga entdeckt. Was ist aber so besonders an
dieser Saga? Ich wollte etwas wirklich Großes haben, etwas das auch
außerhalb Islands nachhallen würde. Die Antwort kam sehr schnell: “Herr
der Ringe”!
Ich war verblüfft, weil etwas passierte, dass eigentlich nie passiert:
je mehr ich über Tolkien und die Sagas in Erfahrung brachte wusste,
desto mehr hat alles zusammengepasst. Der Autor von “Lord of the Rings”,
J.R.R. Tolkien, war seit der Kindheit von isländischen Sagas besessen,
seit dem er die Übersetzung der „Saga of the Volsungs“ zum
ersten Mal gelesen hat. Er hat in den 20ern den Old Norse Drinking Club
an der Universität in Leeds gegründet, wo isländische Trinklieder
gesungen und Sagas gelesen wurden. Und dann stellt es sich heraus, dass
es in Island einen verdammt großen Vulkan gibt, den Mount Hekla und
der die ganze Zeit aktiv ist. Im Mittelalter war er bekannt als „Mund
der Hölle“ und somit perfekter Ort, wo man einen Ring hineinwerfen
kann. Die bekannteste verlorene Saga in Island ist die „Gaukur Saga.
Man weiß nicht viel über Gaukur – nur soviel, dass er auf
einer Farm namens Stöng im Schatten des Mount Hekla lebte. Bei einer
Eruption im Jahr 1104 wurde die Farm komplet mit Lava und Asche bedeckt
und erst wieder 1939 wiederentdeckt.
Alles hat ideal zusammengepasst!
Wie lange dauert der Entstehungsprozess zu einem Buch von Michael Ridpath?
Ca. 18 Monate. Das setzt sich zusammen aus: 3-6 Monate Recherche und Planung,
4-6 Monate für das erste Konzept und 6-9 Monate für die nachfolgenden
Entwürfe. Ich hatte gehofft, dass ich mit mehr Erfahrung Bücher
auch schneller schreiben könnte. Das Faktum ist allerdings – wenn
ich schneller schreibe, so dauert die Planung länger – so gleicht
sich das wieder aus.
Ich könnte Bücher viel schneller schreiben, aber die Qualität
würde darunter leiden, also tue ich es nicht.
Wie gehen Sie vor – wie entsteht ein Roman von Ihnen?
Als Vorbereitung dient mir ein Gesamtentwurf, in dem die unterschiedlichen
Charakteren sowie die Szenen, die ich im Kopf habe sehr detailliert ausgearbeitet
werden.
Beim tatsächlichen Start des Schreibens weiche ich zwar öfters
von diesem geplanten Entwurf ab, aber oftmals ist er auch äusserst
hilfreich um Zusammenhänge, Beziehungen und Erzählstränge
zu erfassen. Genau dieses Wechselspiel zwischen Planung und spontaner Umstellung
macht das Schreiben für mich so spannend und interessant – und
davon sollen ja schlussendlich auch meine Leserinnen und Leser profitieren.
Vielen Dank für das Gespräch
Interview anlässlich der “WIENER KRIMINACHT 2010” am 28.9.2010
(Red.: Franz Schubert, Übersetzung: Nina Benkotic)
